Vierzig Jahre habe ich gesammelt. Die nächsten vierzig Jahre versuche ich, alles wieder loszuwerden. Das ist zumindest der Plan.
Gerade lese ich deshalb mein Bücherregal noch einmal durch. Ich nehme mir jeweils eine Autorin oder einen Autor vor, lese die vorhandenen Bücher ein letztes Mal und bringe sie anschließend, schön verschnürt, zur Büchertelefonzelle. Auf diese Weise sind inzwischen mindestens sechzig Bücher weitergezogen.
Für die Sommerferien hatte ich mir die sechs Ayla-Bände von Jean M. Auel vorgenommen. Rund 6000 Seiten liest man nicht mal eben in der Schulzeit und ich lese lieber alles am Stück. Wenn ich schon in einer anderen Welt verschwinde, dann richtig. Leider hatte ich nur einen der Bände, den Rest hatte ich digital erworben, in meiner Erinnerung war das irgendwie anders. Aber weil ich immer nur Pakete zur Telefonzelle bringen wollte, musste ich natürlich die anderen fünf erst einmal zum Anfassen kaufen. Das Dilemma beim Sammeln und Loswerden.
Und dann bin ich in den vergangenen Wochen noch einmal tief in die Welt von Ayla eingetaucht: in Mammutherden und Höhlen, Feuerstein und Ocker, Heilpflanzen und Jagdtechniken, Rituale und lange Wanderungen.
Jean M. Auels sechsbändiger Romanzyklus erzählt die Geschichte von Ayla, einem Mädchen aus der Gruppe früher moderner Menschen, das nach einem Erdbeben seine Familie verliert und von einer Gruppe Neandertaler aufgenommen wird. Sie wächst im Clan auf, lernt seine Gebärdensprache, seine Regeln, Rituale und Vorstellungen davon, wie ein Mensch zu leben hat. Sie wird Teil dieser Gemeinschaft, aber bleibt gleichzeitig fremd. Deshalb wird sie aus dem Clan verbannt und begegnet erst nach drei Jahren Einsamkeit Menschen ihrer eigenen Art. Sie lernt Jondalar kennen, reist mit ihm durch das eiszeitliche Europa, vom schwarzen Meer nach Südwestfrankreich - lebt bei unterschiedlichen Gruppen und begegnet neuen Sprachen, Werkzeugen, Techniken, gesellschaftlichen Ordnungen und spirituellen Vorstellungen.
Über die sechs Bände hinweg entwirft Auel einen deutlichen Gegensatz zwischen den zwei Menschenformen, die zur gleichen Zeit existieren.
Die Neandertaler des Clans beschreibt sie als Menschen mit einem enorm tiefen Gedächtnis, fest verankerten Traditionen und einer starken Bindung an überliefertes Wissen. Die „Anderen“, wie der Clan die frühen Homo sapiens nennt, erscheinen beweglicher, experimentierfreudiger, kommunikativer, kulturell variabler und ausgesprochen erfinderisch.
Ayla steht genau zwischen diesen Welten. Sie hat gelernt, genau zu beobachten. Sie kennt die Regeln des Clans und weiß, wie wichtig Anpassung für Zugehörigkeit sein kann. Gleichzeitig stellt sie immer wieder Dinge infrage, kombiniert Wissen neu und probiert aus, was geschieht, wenn man etwas anders macht. Wo andere sagen: „So macht man das“, denkt Ayla: „Aber warum eigentlich?“
Beim Lesen hat mich fasziniert, wie Auel zwei sehr unterschiedliche Formen der Wahrnehmung, der Erinnerung, der Kommunikation und des Umgangs mit Veränderungen konstruiert.
Beim Clan ist Wissen tief in der Tradition verankert. Es wird erhalten, erinnert, wiederholt und weitergegeben. Veränderung geschieht langsam. Bei den modernen Menschen scheint Wissen beweglicher zu sein. Sie lernen voneinander, beobachten, übernehmen Ideen, verändern Werkzeuge, kombinieren Techniken und entwickeln so Neues.
Das ist natürlich Literatur. Jean M. Auel hat keine paläoanthropologische Fachpublikation geschrieben. Ihre Romane verbinden den Forschungsstand ihrer Entstehungszeit mit erzählerischer Freiheit, Spekulation und fiktionaler Konstruktion.
Besonders deutlich wird Auels Gegensatz beim Gedächtnis. Der Clan besitzt in ihrer Romanwelt eine Art über Generationen weitergegebenes Gedächtnis. Wissen muss weniger vollständig neu erworben werden, sondern ist bereits vorhanden und kann wieder zugänglich gemacht werden, wenn man daran erinnert wird. Das macht den Clan keineswegs dumm. Im Gegenteil. Seine Mitglieder verfügen über hoch spezialisiertes Wissen über Pflanzen, Heilung, Tiere, Jagd, Werkzeuge und ihre Umwelt. Doch dieselbe Stärke wird in der Romanwelt gleichzeitig zur Begrenzung. Wenn Wissen vor allem bewahrt wird, wird Abweichung schwieriger. Ayla hingegen experimentiert ständig. Sie beobachtet ein Problem, probiert eine Lösung, verändert sie und schaut, was passiert. Im Laufe der sechs Bücher führt das zu einer erstaunlichen Zahl von Entdeckungen und Erfindungen. Was natürlich recht fragwürdig ist, wenn eine Person das Domestizieren von Tieren beginnt, das Feuermachen entdeckt, neue Jagdwaffen entwickelt, besondere Heilpflanzen entdeckt und noch vieles mehr. Aber so kam ich nicht umhin, mich zu fragen, ob Ist Kreativität vielleicht weniger eine Frage dessen ist, was wir wissen, als dessen, was wir mit unserem Wissen machen?
Auch die Kommunikation unterscheidet sich in der Romanwelt grundlegend. Die Menschen sprechen. Der Clan hat diese Fähigkeit nicht. Er verständigt sich vor allem über eine hoch entwickelte Gebärdensprache, über Körperhaltung, Mimik und Bewegung. Der Körper spricht mit: Blicke, Gesten, selbst die Position eines Clanmitglieds im Raum drückt etwas aus. Für mich war das spannend, weil ich mich frage, wie stark unsere Wahrnehmung davon abhängt, worauf eine Kultur ihre Aufmerksamkeit richtet und ob Sprache auch etwas mit unserer Fähigkeit zu denken zu tun hat?
Auch gesellschaftlich zeichnet Auel einen deutlichen Unterschied. Der Clan erscheint über lange Zeiträume relativ stabil. Rollen, Rituale und soziale Ordnungen sind klar festgelegt. Die verschiedenen Gruppen des Homo sapiens dagegen leben von Ost nach West sehr unterschiedlich. Sie besitzen unterschiedliche Sprachen, Kleidung, Werkzeuge und Rituale. Sie haben andere Vorstellungen von Gemeinschaft, Sexualität, Partnerschaft, Religion und sozialer Ordnung. Biologisch gehören sie derselben Menschenform an, aber kulturell entstehen sehr verschiedene Welten. Mich hat fasziniert, wie Kultur zeigt, wie Menschen leben, was sie für selbstverständlich und für möglich halten.
Ayla fühlt sich endlich zugehörig, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Sie lernt soziale Codes sehr genau. Sie beobachtet, passt sich an, merkt sich Regeln und stößt trotzdem immer wieder an Grenzen, weil ihre eigene Wahrnehmung und ihr eigenes Denken nicht vollständig in die Ordnung passen, in der sie lebt.
Ich würde Ayla deshalb nicht irgendeine neurodivergente Diagnose geben, aber manches an ihrer Geschichte kann aus heutiger neurodivergenter Perspektive erstaunlich vertraut wirken: Das genaue Beobachten sozialer Regeln. Das Lernen von Verhalten, das anderen scheinbar selbstverständlich zufällt. Das Gefühl, gleichzeitig dazuzugehören und außerhalb zu stehen. Eine intensive Wahrnehmung. Das Erkennen von Mustern. Der Drang, Dinge wirklich verstehen zu wollen. Ungewöhnliche Lösungswege. Und immer wieder die Erfahrung, dass eine Fähigkeit in einer Umgebung als störend und in einer anderen plötzlich als außergewöhnliche Begabung wahrgenommen wird.
Viele neurodivergenten Frauen kennen die Erfahrung, sich früh sehr genau mit sozialen Erwartungen beschäftigt zu haben. Wie verhält man sich richtig? Was wird erwartet? Wie viel von mir darf sichtbar sein? Wann passe ich mich an? Wann vertraue ich meiner eigenen Wahrnehmung?
Vielleicht ist es genau diese Position am Rand einer Ordnung, die diesen besonderen Blick ermöglicht. Wer vollständig in einem System aufgeht, muss dessen Regeln nicht unbedingt sehen. Wer ein wenig danebensteht, erkennt sie manchmal umso deutlicher.
Im Laufe der Bücher begegnet Ayla bei den Menschen immer häufiger Dingen, die über eine reine Zweckmäßigkeit wie beim Clan hinauszugehen scheinen. Werkzeuge werden gestaltet. Gegenstände werden verziert. Menschen schnitzen. Sie tragen Schmuck. Sie verwenden Pigmente. Sie erzählen Geschichten und führen Rituale durch. Sie bemalen die Felswände in den Höhlen mit Tieren und Zeichen. Aber warum? Warum Farben, warum Schmuck, warum überhaupt Gestaltung? „Überleben“ reicht hier als Erklärung nicht mehr. Menschen müssen Nahrung finden, Schutz suchen, Werkzeuge herstellen, Feuer machen und sich gegen Kälte schützen. Das ergibt unmittelbar Sinn. Aber warum nimmt ein Mensch Ocker, zerreibt ihn, bereitet daraus Farbe zu, geht tief in einen dunklen Höhlenraum und beginnt auf einen Felsen zu malen. Warum begann der Mensch, Bilder zu machen? Warum reichte es nicht aus, ein Tier zu sehen? Warum entstand der Impuls, das Tier auf andere Art und Weise sichtbar werden zu lassen? Was passiert zwischen der Wahrnehmung und dem Ausdruck? Möglicherweise erzählt Kunst uns etwas sehr Grundsätzliches darüber, wie menschliche Gehirne Wahrnehmung verarbeiten und nach außen projizieren.
Mein eigentlich recht harmloses Ferienprojekt, eine Romanreihe noch einmal zu lesen und anschließend sechs Bücher auszusortieren, hat inzwischen einige Nebenwirkungen entwickelt – wie eigentlich immer. Aus dem Lesen entstanden viele Fragen. Aus den Fragen entwickelte sich eine intensive Recherche und aus der Recherche wächst ein neuer Bücherstapel auf meinem Tisch zur Höhlenkunst, Steinzeittieren und Heilpflanzen. Ich möchte Unkrautrezepte ausprobieren und die Orte besuchen, die Auel so wunderbar detailliert beschrieben hat. Ob ich danach besser verstehen werde, warum sie Wände bemalten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich werde ich danach noch mehr Fragen haben.
Inzwischen war ich schon im Steinzeitpark in Dithmarschen und habe selbst versucht, steinzeitliches Werkzeug herzustellen und Waffen auszuprobieren. Darüber werde ich in einem der nächsten Artikel ausführlicher erzählen.
Für die Ayla-Reihe gibt es von mir 5 von 5 Sternen. Spannend. Lehrreich. Und gefährlich inspirierend.
Der Zwischenstand meiner Ausmist-Challenge sieht dagegen etwas weniger überzeugend aus: Ein vorhandener Ayla-Band plus fünf nachgekaufte Ayla-Bände Plus bisher acht Bücher über Höhlen und Höhlenkunst und Steinzeit plus ein Stofftiermammut. Die sechs Ayla-Bände bringe ich aber jetzt tatsächlich zur Büchertelefonzelle.